swi: Schlangenleder.

Du hast mir nichts als Pech gebracht.

Als ich dich kennenlernte, war ich nicht unbedingt das, was man landläufig erfolgreich nennt. Aber ich hatte einen Job, von dem ich gut leben konnte und der mir den ein oder anderen kleinen Luxus erlaubte. Trekking-Urlaub in Thailand, mindestens zwei gute Rockkonzerte im Monat und mein jährliches Paar Schlangenlederstiefel.

Ich hatte gerade mein achtes Paar vom Schuster geholt als wir uns kennenlernten. Sie waren noch ganz neu, blau mit weißen Einsätzen diesmal, das Leder knirschte bei jedem Schritt und ich hatte sie frisch besohlen lassen. Mit Metallplättchen. Wenn die Absätze mit einem harten Klicken auf den Asphalt trafen, fühlte ich mich mitten in der Stadt wie ein Cowboy. Wie ein harter Mann, der abends am Lagerfeuer seine Bierflasche mit den Zähnen aufknackt und den Deckel hinter sich ins Gras spuckt.

Ich wollte nur ein Bier trinken. Einen schnellen Drink in einer Schickimicki-Bar, es war eine Sommernacht und meine neuen Schuhen machten mich stark. Stark genug, um dich anzusprechen.

Du hast an der Bar gesessen. In einem roten Kleid, das ein bisschen zu eng war. Du warst nicht mehr ganz sicher auf den Füßen in deinen hohen Schuhen, aber du hast mir von deinem tollen Job erzählt, Modelscout in einer Talentagentur. Mailand, Paris, du kanntest die Szene gut. Deine besten Tage waren vorbei, erzähltest du.

Da musste ich dir ein Kompliment zu deinem Kleid machen. Eine kleine Träne tropfte neben das Champagnerglas. Ich musste trösten, so eine tolle Frau, so ein toller Job, in dir steckte doch mehr als nur ein hübsches Gesicht.

Ich erzählte dir von meinen Reisen und von meiner Begeisterung für das letzte Uriah-Heep-Konzert. Du wundertest dich aufrichtig, dass wir uns nicht früher begegnet waren – bei Quo, oder Meat Loaf oder Mark Knopfler. Vielleicht weil du meist backstage warst? Zu schade.

Du hast mich nur belogen.

Der Champagner ging auf meine Rechnung. Zwei, drei Flaschen – teurer als meine neuen Stiefel, die du bewundertest. Der Barkeeper zwinkerte dir zu als wir gingen. Du hattest mich bereits lächerlich gemacht. Aber das wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass du mit zu mir kommst.

Deine hohen Schuhe neben meinen Schlangenlederstiefeln im Flur. Hastig abgeworfen neben deinem roten Kleid, meinem Hemd, deinem winzigen Tanga, der auf deinem Bauch einen Druckstreifen hinterlassen hatte.

Am nächsten Tag kaufte ich dir neue Unterwäsche. Diskrete Spitze, schwarz und mit unsichtbarem Gummizug, die sich an deinen Körper schmiegte wie eine zweite Haut. Ein neues Kleid. Grün. Wie deine Augen. Oh, deine strahlenden Augen.

Und wie sie strahlten. In jedem feinen Geschäft, in jeder Boutique. Man kannte dich. Begrüßte dich mit begeistertem Rufen, mit Wangenküssen und Umarmungen. „Mein Begleiter“, so hast du mich vielsagend vorgestellt, deine schmale Hand auf meinem Arm. Ich bekam teures Wasser aus russischblauen Glasflaschen eingeschenkt, Espresso, ein Glas Champagner, während du in der Umkleidekabine verschwandest. Du hast mir Kleider vorgeführt, schwingende Röcke, enge Hosen. Blusen, Gürtel und sogar Schmuckstücke als wäre der Laufsteg immer noch dein Zuhause.

Ich habe gezahlt, mit der Kreditkarte. Ohne hinzuschauen, habe ich Bons unterschrieben, mein Konto überzogen. An diesem Tag, am nächsten, am Tag darauf. Kleider, Ohrringe, Handtaschen. Mich hast du zu edlen Halbschuhen überredet, im Businesslook. Sie drückten ein wenig.

Wir gingen zum späten Frühstück in die schönsten Cafés – nein, nicht frühstücken, „Brunch“ nanntest du unsere ausschweifenden Schwelgereien mit frisch aufgegangen Soufflés, geräuchertem Lachs, französischen Käseplatten und exotischem Obst. Abends gingen wir aus, in die schicksten Clubs der Stadt. Du hast mich manchmal Freunden vorgestellt, schillernden Gestalten, aber meistens wolltest du mit mir allein sein.

Ich wusste nicht, woher der Koffer kam, mit dem du drei Wochen nach unserem Kennenlernen vor meiner Tür gestanden hast.

Du weintest ein paar deiner kleinen Tränen, Eifersüchteleien in der Agentur – der Neid auf deine Kontakte, deine berühmten Tage. Natürlich habe ich verstanden, natürlich habe ich dich getröstet und insgeheim habe ich mich gefreut, als sich die leere Hälfte meines Bettes wieder füllte. In der ersten Nacht habe ich im Halbschlaf nach dir gegriffen und konnte mein Glück kaum fassen, als meine Finger die seidige Glätte deines neuen Nachthemds berührten.

In der zweiten Nacht schlief ich auf dem Sofa.

Du könntest nicht schlafen, mit meinem Atem neben mir, ich würde schnarchen. Ich würde schnarchen, während dein Leben ohne deine geliebte Arbeit zusammenbricht und du bis zum Morgengrauen grübelst, wie es weitergehen soll. Ich bin aufs Sofa gezogen. Und habe dir geschworen, dir wieder auf die Beine zu helfen.

Du brauchtest Geld, um deine Kontakte in Mailand und Rom aufzufrischen. Natürlich musstest du so bald wie möglich fliegen, ich habe das verstanden. Ich gab dir meine Kreditkarte, du buchtest den Flug und suchtest das Hotel aus. Dann stand ich vor der Tür und winkte dir nach, als du im Taxi davonfuhrst.

Ich wartete lange, dass du wiederkommst.

Ich kann dich nicht erreichen. The person you are calling is not available this time. Im Hotel in Rom kennt niemand deinen Namen, deine Agentur ist seit Jahren geschlossen. Ich suche im Internet nach Bildern deiner Modelzeit und finde dich auf keinem Catwalk der Welt.

Nächtelang laufe ich durch die Stadt, meine Absätze in den neuen Schuhen schlurren auf dem Pflaster, ich fühle mich nicht mehr stark. Im Büro starre ich stundenlang an die Wand, ich lasse das Telefon klingeln, bis der Chef mich in sein Zimmer bittet. Er redet lange mit mir, er will Verständnis zeigen, aber ich denke nur an dich.

Ich suche dich in der Bar, in der wir uns kennengelernt haben. Du bist nie da.

Ich trinke keinen Champagner mehr. Ich bestelle ein Bier und sitze die ganze Nacht an der Theke, den Blick auf die Tür gerichtet. Morgens warte ich vor unseren alten Cafés. Ich sehe dich nie.

Der Barkeeper hört auf, freundlich zu mir zu sein.

Eines Abends legt er mir einen Zettel neben mein Bier. Abgerissen von einem Notizblock, deine Schrift. „Lass mich endlich in Ruhe.“ Ich lese diesen Satz. Tausend Mal. Als es draußen hell wird, trinke ich mein Bier aus und gehe nach Hause.

Zuhause sitze ich und starre auf deine Sachen. Das rote Kleid, der winzige Tanga, eine CD, mehr hast du nicht zurückgelassen. Hau endlich ab aus meiner Wohnung. Ich wünschte, ich hätte dich nie durch die Tür gelassen.

Die CD ist von Modern Talking, The 1st Album. Dieses parfümierte Gewinsel geht mir tierisch auf den Sack, seit 1985. Die Cheri Lady nervt mich in der Musikgeschichte noch mehr als Yoko Ono. Wie konnte ich das vergessen?

Ich zerknülle deinen Abschiedsbrief in meiner Hand – wenn man diesen hingeschmierten Satz Brief nennen kann. Wie konnte ich glauben, dass aus uns jemals etwas hätte werden können. Du hast einen beschissenen Musikgeschmack.

Ich ziehe meine Schlangenlederstiefel an und lasse meine Kreditkarte sperren.

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2 thoughts on “swi: Schlangenleder.

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