swi: Der Brand oder Von dem, was bleibt.

–        „Es brennt im Hinterhof!“

Ein stilles Silvester, das war der Plan gewesen. Sie hatte gekocht. Drei komplizierte Gänge, nur für sich allein. Vier Stunden hatte sie in der Küche verbracht, in schlabbrigen Jogginghosen, mit selbstgestrickten Filzpatschen an den Füßen und mit purer Gemütlichkeit. Laute Musik, gutes Essen und bitte, bitte keine Menschenmassen.

Dieses Jahr wollte sie ganz allein feiern. Und während alle anderen aufgeregt ihre Party planten („Wenn wir zum Brandenburger Tor wollen…“ – „Ey, was für’n Berliner bist du denn?! Das ist nur was für Touris!“ – „Aber das Feuerwerk…“ – „Lass uns lieber in’n Club gehen““ – „Aber das Feuerwerk…“), hatte sie durch Kochbücher geblättert und in sich hinein gegrinst. In diesem Jahr würde sie Feuerwerk sehen, entspannt und ganz oben aus dem 5. Stock, in ihrer Hinterhofwohnung.

Es war nach 22 Uhr als sie es sich zum Nachtisch in ihrem Lieblingssessel bequem machte und die „Dinner For One“-DVD anstellte. Die anderen würden jetzt in der Schlange vorm Berghain warten. Oder vorm SchwuZ oder vorm Silver Wings oder wo auch immer. Sie würden in ihren Partykleidchen frieren, von einem Bein aufs andere treten und drinnen wie die geräucherten Sardinen um einen Platz auf der Tanzfläche rangeln. Sie angelte nach ihrer Kuscheldecke.

Um 23 Uhr war der Nachtisch alle. Draußen böllerten und knallten sie schon wie blöde. Froren sich dabei den Arsch ab, sprengten sich die Finger weg und soffen sich ihren Neujahrskater an. Pah! Sie ging in die Küche, um in aller Ruhe die Dessertrührschüssel auszuschlecken.

Doch als eine Viertelstunde später mitten im Abwasch ihr Handy klingelte, stürzte sie sich auf den kleinen Apparat und nahm ab, ohne sich die Hände abzutrocknen: Sarah war dran, eine Freundin, die nur ein paar Straßen weiter wohnte. „Wir machen eine Küchentanzparty, kommst du vorbei?“ Tanzen, gute Musik, Menschen, an denen ihr etwas lag… hm. Ein Blick auf die Uhr: Noch 39 Minuten. Das würde sie schaffen! „Ich bin gleich da, zieh mir nur noch kurz was an!“

Ein Silvester ohne tanzen! Wie war sie nur auf diese Idee gekommen… ohne Stress, gut, aber ohne tanzen?! Sie schlüpfte aus den Schlabberhosen, griff nach dem noch nie getragenen Pailettenkleidchen, den hauchdünnen Strumpfhosen und ihren Tanzpumps. Talittchenschuhe nannte ihre Oma sowas: hoher Absatz, filigrane Riemchen und mehr Schein als Sein. Ein Hauch Lippenstift, schnell die Haare hochgesteckt und schon war sie aus der Tür.

Sie kam gerade noch pünktlich bei Sarahs Party an: Mit ihrem Klingeln schlug die Uhr Mitternacht, der erstbeste Mann drehte sie direkt ins neue Jahr hinein und sie blieb bis 3 Uhr früh. Dann legte Sarah nur noch ruhige Stücke auf, die Tänzer ließen einander los und sie verabschiedete sich.  Sie wollte heim, schlafen gehen, zufrieden sein mit dem alten und dem neuen Jahr.

Sie wollte heim, doch sie kommt nicht weit.

Die Straße ist abgesperrt, Leute drängeln sich hinter dem Absperrband, drei Löschzüge stehen vor dem Haus.  Vor ihrem Haus. Die Haustore sind aufgerissen, Feuerwehrmänner rennen hinein und Schläuche verschwinden im Flur, prall und fett voller Wasser.

–        „Es brennt im Hinterhof!“

Das rufen die Leute. Durcheinander, aufgeregt, mit einem Glitzern in den Augen. Sie erkennt keinen von ihnen. Wo sind ihre Nachbarn? Sie müssen doch hier draußen sein, sie müssten doch da sein, die können sie doch nicht in einem Haus bleiben, das brennt! Vielleicht… ist ihnen etwas passiert, sind sie alle… verbrannt?

Aus dem Vorderhaus kennt sie niemanden. Aber Marie und ihr Hund, Marcel und Lucy und das Baby, die Hartzbraut aus dem 4. Stock? Hartzbraut. Wie kann sie jetzt noch so etwas denken, vielleicht ist die blondierte Sonnenbankfrau verletzt und liegt im Krankenhaus und sie denkt Hartzbraut!

–        „Das Dachgeschoss ist schon komplett ausgebrannt!“

Das Dachgeschoss. Der oberste Stock. Ausgebrannt. Komplett.

–        „Das waren Silvesterraketen! Jemand hat im Hof was gezündet…“

Ihre Wohnung.

Sie steht mit kalten Füßen vor dem Haus und versteht nicht. Die Kälte zieht unter ihren dünnen Mantel, durch die dünnen Sohlen der Schuhe, in ihr Gesicht. Das Dachgeschoss ist schon komplett ausgebrannt.

Ihr schießen Bilder durch den Kopf, jeder Brand, den sie jemals gesehen oder von dem sie gelesen hat. Das Dachgeschoss ist schon komplett ausgebrannt. Schwarze, verkohlte Dachbalken, nutzlos und brüchig, wie rußige Arme in den Himmel gestreckt. Sie sollte vielleicht schreien, aber andererseits – was sollte das helfen? Sie schreit nicht. In ihrem Kopf ist es merkwürdig ruhig.

Ihre Wohnung. Ihre Bücher, ihre Plattensammlung, ihre CDs. Ihr Bett, ihre Möbel, der Lieblingssessel von ihrer Oma. Die Schuhe, die Kleider, die uralten Festivaljeans, die sie nur noch aus Erinnerungsgründen aufbewahrt. Die Tagebücher, die Briefe, die Fotoalben. Alles weg. Verbrannt, ein Häufchen Glut und Asche, nichts mehr. Alles weg. Ein feuriger Höllensturm und alles weg.

Der Frost schlägt Nägel in ihre Fußsohlen. Warum hat sie keine dicken Stiefel angezogen? Talittchenschuhe. Dieses Wort kreist durch ihre Gedanken. Sie hat Talittchenschuhe angezogen und nicht mal ihre Handtasche mitgenommen. Ihr Portemonnaie, ihre EC-Karte, ihr Ausweis. Alles weg.

Talittchenschuhe und ein flittriges Partykleid, das beim Tanzen viel zu hoch flog, und in dem sie jetzt friert, dass ihre Zähne aufeinanderschlagen. Ihr Schafwollpullover. Vom Mama gestrickt, genau wie die Filzlatschen. Gestrickt und geschenkt für den Schottlandausflug, den letzten, den sie mit Jörg gemacht hat. Jörg, den sie jeden Tag vermisst und dessen Briefe und Fotos vom Löschwasser in den Hof gespült werden. Der Küchentisch, den sie mit ihm gebaut hat. Schwarz und verkohlt, zusammengebrochen und weg.

Der Laptop. Die halbgeschriebene Doktorarbeit. Vier Jahre Arbeit. Die Sicherungskopie auf dem Stick in ihrer Handtasche, verbrannt. Weg. Vier Jahre, verschwunden, in einer Stichflamme verpufft.

Sie muss sich setzen. Jemand schiebt einen Bierkasten unter ihren  Po, kniet sich neben ihr nieder, redet auf sie ein. Die Worte dringen nicht durch, schieben nur Lautfetzen zwischen ihre Gedanken. Talittchenschuhe, Hausratversicherung, verkohlte Dachbalken. Kalte Füße, kalte Hände, Glut und Asche. Schwindel, Verwirrung und ein seltsames Gefühl von Leere. Obdachlos, vielleicht bei Sarah schlafen, kein Platz, alles neu kaufen müssen.

Sie hört nicht den, der neben ihr kniet. Alle anderen Geräusche scheinen seltsam verstärkt: Die Leute laufen aufgeregt herum, sie hört jedes Scharren der Füße, jedes Husten, das Zischen einer Zigarette, die ausgetreten wird. Im Haus hinter ihr öffnet sich ein Fenster, der Rahmen kreischt über den Sims und aus der Wohnung dringt ein Lied. „… Trailers for sale or rent/ Rooms to let, fifty cents/ No phone, no pool, no pets…/ I ain’t got no cigarettes…“

Sie raucht gar nicht mehr, hat vor Jahren aufgehört, auch an Silvester. Trotzdem, sie hätte jetzt gern eine Zigarette. Tief inhalieren und den kühlen Rauch in den Lungen spüren. Mit der Erinnerung breitet sich Leere in ihr aus. Oder nein. Nicht Leere, Leere kribbelt nicht so tief unten in der Magengrube. Leere drückt auf den Brustkorb. Aber der ist frei. Ganz frei.

Wann hat sie das letzte Mal Freiheit gefühlt?

Vor der Doktorarbeit. Allein wäre sie nie auf die Idee gekommen, zu promovieren. Der Prof, den sie am meisten schätzte, hatte sich ihr als Doktorvater angeboten – sie hatte nie darüber nachgedacht. Und jetzt kämpfte sie sich seit vier Jahren zu seinem Vergnügen durch eine Arbeit, die er lesen, aber die sie nicht schreiben wollte. Wer sagt eigentlich, dass man alles tun muss, was man kann?

Vor Jörg. Nein – doch, vor ihm, aber mehr noch, bevor es bei Partys nur noch um Kinder und Hochzeiten ging. Bevor der Kreis derer, die vor diesen Gesprächen auf Balkone und in Küchen flohen, schrumpfte auf die letzten Hartnäckigen, die einander im Stillen die Falten zählten.

Früher. Als ein Buch oder eine Platte nicht Besitz bedeutete, sondern unfassbares Glück – ein Rausch von Klang und Worten, der einen von Kopf bis Fuß durchströmte. Ein Glück, das man aufsog von Anfang bis Ende, das in einem lebte, in all seiner Schönheit. Als sie im Morgengrauen mit schmerzenden Füßen aus dem Club trat und allein heimging. Während der Schweiß auf der Haut trocknete, die Stadt Stille atmete wie Meeresluft und zuhause im Bett alle Muskeln sich dehnten, kurz vor dem Schlaf. Als nichts Bedeutung hatte als der Augenblick. Als alles ewig war.

Und nicht hinter jedem Jetzt schon Zukunft stand.

–        „Zum Glück hat im dritten Hinterhof keiner gewohnt!“

Dritter Hinterhof. Das hört sie wieder.

Nein, der dritte Hinterhof ist leer. Baufällig, mit klaffenden Löchern zwischen den Ziegeln im Dach und mit ausgeschlagenen Fensterscheiben. Da wohnt niemand. Da fliegen Raketen hinein und brennen und werden erst bemerkt, wenn schon alles brennt.

Sie wohnt im ersten Hinterhof. Im ersten, gleich hinter dem Vorderhaus. Nicht im dritten. Das Kribbeln im Magen hört auf, jetzt ist es wieder die Angst, die ihr den Brustkorb zusammendrückt – die Angst und die Erleichterung. Sie atmet laut und tief und schaut in die Augen von dem, der neben ihr kniet. Auf den Mund. Und hört jetzt auch die Worte.

–        „Vorderhaus, Seitenflügel und erster Hinterhof können voraussichtlich zurück in die Wohnungen!“

Erster Hinterhof. Von da an ist es nur noch Warten. Druck im Brustkorb und Warten.

Im Morgengrauen ziehen die Feuerwehrmänner die Schläuche aus den Hausfluren, drücken das Wasser aus ihnen und rollen sie wie müde Schlangen zusammen. Das Absperrband wird abgenommen und die Bewohner dürfen zurück ins Haus. Plötzlich sind die Nachbarn alle da. Marcel, Lucy, Marie und ihr Hund, die Hartzbraut.

Sie rennt durch den Hof, nach oben, nimmt zwei Stufen auf einmal, bis an ihrem linken Fuß ein Riemchen reißt und sie den Schuh auf der Treppe verliert.

Ihre Wohnungstür. Sie schiebt den Schlüssel ins Schloss, braucht Ewigkeiten, bis ihre Finger ihn endlich drehen und sie die Tür öffnen kann. Drinnen ist alles unverändert.

Der lange Flur mit dem Chaos aus Schuhen und Mänteln, am anderen Ende das Schlafzimmer, rechts das Bad und die Küche. Es riecht nach Rauch, aber es ist alles heil. Alles ist da. Die Bücher, die Platten, der Laptop. Die Kleider, die Fotos, die Briefe. Sie zieht den Schafwollpullover an und streicht mit den Händen über den Küchentisch, über alle Möbel und Wände. Ihre Füße schiebt sie so fest wie nie über den Boden. Es ist alles noch da.

Die Vergangenheit, die Zukunft, die Gegenwart und der Druck auf dem Brustkorb.

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7 thoughts on “swi: Der Brand oder Von dem, was bleibt.

    1. rocknroulette Post author

      😀 herzlichsten dank! hab gerade deine handlesergeschichte gelesen… und festgestellt, dass die zwar ganz anders, aber vom eigentlichen thema her gar nicht weit weg ist. hat mir sehr gefallen!

      Reply
  1. Pingback: Der Adventskalender oder Dezember-Re-Blog. | Text, Mags, Rock'n'Roll.

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