JDC: Creep (Teil 5)

Teil 4

GinaGrrl sagt:
„Ich mache mittlerweile nur noch äußerst intime Soirées und Abendgesellschaften… ”

Wow. ‘Intime Soirées’? Flirtete sie oder bildete ich mir das nur ein? Nicht, dass ich der Idee abgeneigt wäre, immerhin hatte sie erfolgreich meine Aufmerksamkeit erregt. Ich war ja hier der Idiot, der allein wegen eines attraktiven Fotos Stunden am Computer verbrachte, um mehr über sie zu erfahren. Aber war das verkehrt? Wäre sie mir tatsächlich im Café oder im Fahrstuhl begegnet, hätte ich sie doch auch angesprochen. Interesse und Neugier, die hingen doch automatisch zusammen, oder nicht?

Was sollte ich nur darauf antworten? Ich konnte es wohl kaum unbeantwortet lassen. War das eine Einladung von ihr? Oder nur harmloses Geplänkel? Ich war mir nicht sicher, konnte es nicht sein. Und überhaupt, das war doch nur ein schriftlicher Austausch zwischen zwei Personen, die sich nicht einmal kannten. Aber – war das nicht genau das, was ich ändern wollte? Was ich offline, ohne die Bildschirme dazwischen, nicht auch hätte ändern wollen?

Wie reagiert man auf eine solche Aussage? Wie konnte man ganz unverbindlich sagen “Hey, ich find dich interessant”, ohne dass man die Person hinter dem Nick und dem Avatar tatsächlich kennt? Und ohne, dass man gleich als abgedrehter Freak rüberkommt – denn es ist immer noch nichts weiter als eine zufällige Begegnung zweiter Fremder, anonym im Internet. Wie geht man diesen Schritt, vom Fremdsein zum Kennenlernen, vor allem, wie geht man ihn richtig?

Ich wusste keine Antwort darauf – also tat ich das, was ich immer in solchen Situationen tue: ich schrieb meine Gedanken auf. Aus dem winzigen Essay voller Reflektionen machte meine gnadenlose Selbstzensur den einen abstrakten und allgemeinen Gedanken, den ich schließlich unter dem Titel “Digitale Ehrlichkeit” auf meinen eigenen Blog postete.

Auf den Titel starrend, mein alter Comic-Avatar nur Zentimeter daneben, entschied ich mich selbst für etwas mehr dieser Ehrlichkeit. Ein neues Avatarbild war schnell gefunden und hochgeladen. Eine Zeichnung, die ein Freund mal von mir gemacht hatte; aber kein Foto. Das wäre vielleicht doch zu viel Ehrlichkeit auf einmal gewesen.

Meine Gedanken kehrten zurück zu GinaGrrl. Sie war der Anlass für das alles gewesen. Und ja, ich wollte immer noch mehr über sie wissen, als ihr Avatar alleine von ihr preisgab. Eine intime Soirée? Verdammt, was meinte sie nur damit?

Blu3yedPenfr3ak sagt:
“Ich wette, an Einladungen dafür kommt man nur mit den richtigen Beziehungen oder viel Geld. Falls du aber mal eine Benefizveranstaltung machst, wär ich gern dabei.”

Ich bemerkte erst eine Woche später, dass ich den Artikel in meinem Blog nicht passwortgeschützt hatte.

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About JDC

Born and raised in Germany, I discovered my love for the English language and the literature that was written in it. So, I made this language my tool. / Geboren und aufgewachsen in Deutschland, entdeckte ich meine Liebe für die englische Sprache und die Literatur, die in ihr geschrieben wurde. Also machte ich diese Sprache zu meinem Werkzeug.

2 thoughts on “JDC: Creep (Teil 5)

  1. Pingback: swi: Creep (Teil 6). | Suburban Road.

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