swi: Silly Swingers.

Die junge Frau vor mir hat ihren Einkauf immer noch nicht auf das Laufband gelegt, langsam wird der Platz knapp.

Ich stapele drei Pizzaschachteln, einmal Lasagne, die Currywurst und zwei Pakete Tiefkühlpaella eng nebeneinander auf, aber erst, als die Kassiererin schon nach meiner Pizza Funghi greifen will, leert die Frau den Inhalt ihres Einkaufskorbs aus: Hirsestangen für Kanarienvögel, zwei Gurken, drei Tiefkühlbaguettes, eine italienische Salami und eine Dr. Best Zahnbürste poltern aufs Band. Und eine Schachtel Kondome. In diesem Zusammenhang sieht plötzlich alles Gekaufte phallusförmig aus, denke ich und muss grinsen, während ich mich nach dem Sixpack in meinem Einkaufswagen bücke.

Als wenn sie meine Gedanken gelesen hätte, wird die junge Frau rot. Es gelingt ihr nicht, den Einkaufskorb akkurat auf den Turm seiner bereits abgestellten Vorgänger zu setzen, er stellt sich quer und sie kann ihn nur mit einem Ruck an seinen Platz zwingen. Ihr Gesicht rötet sich noch mehr und ihre Bewegungen sind hastig.

Die Kassiererin verzieht keine Miene. Sie zieht sämtliche Artikel ebenso stoisch über den Piepser wie sie die Schnapsflaschen des älteren Herrn davor abkassiert hat und ihr „achtzehneurovierndreißig“ klingt nicht im entferntesten danach, als wolle sie noch ein „schönes Wochenende“ oder gar „viel Spaß“ anhängen. Sie macht einfach nur ihren Job, ihren Scheißjob möchte man sagen, wenn man ihr Gesicht so sieht.

Die junge Frau stopft die Einkäufe in ihren Jutebeutel und verschwindet. Die Kassiererin schiebt meine Lebensmittel über den Piepser und pflaumt mich an, weil ich die Äpfel nicht gewogen habe. Während ich zur Waage sprinte und sich hinter mir eine Schlange an der Kasse aufstaut, überlege ich, warum es immer noch nicht normal ist, Kondome zu kaufen.

Wenn ich so die Ed-Hardy-Frau hinter mir anschaue, die ein Gör auf dem Arm hat, während mir das zweite den Wagen in die Hacken rammt als ich endlich bezahlen kann und das dritte immer noch brüllt, dass es Hariboschnecken wolle… man sollte sich wirklich nicht schämen, Kondome zu kaufen. Im Fernsehen kriegt an schon im Vorabendprogramm mehr Titten zu sehen als man jemals wollte, in allen Serien geht’s nur ums wer-mit-wem und trotzdem schämt man sich, wenn man beim Kondomkaufen in aller Öffentlichkeit zugeben muss, dass man Sex zu haben plant. Verantwortungsvollen, sicheren, gesunden Sex.

Die junge Frau sah nett aus, schüchtern, vermutlich würden ihre Kinder fremden Leuten keine Einkaufswagen in die Hacken rammen – Ed Hardy hinter mir dagegen hat den Beweis für ihr verantwortungsloses Liebesleben gleich dreifach und obendrein schlecht erzogen dabei und packt ihre Wagenladung Junk Food mit einem Selbstbewusstsein und Aggressivität aufs Band, dass man sich nicht einmal traut, ihre Brut unauffällig ins Zigarettenregal zu schubsen. Die Welt ist ungerecht.

Auf dem Weg nach Hause denke ich noch ein bisschen über Sex nach. Darüber, dass der Plan für verantwortungsvollen Geschlechtsverkehr einem peinlich erscheint, während Schwangerschaftsbäuche stolz gezeigt werden und warum die eigenen Eltern von irgendwelchen Fortpflanzungsvorstellungen gedanklich komplett ausgeschlossen werden. Eltern? Nee, die haben sowas noch nie gemacht. Niemals. Kom-plett un-vor-stell-bar. Ging mir als Kind schon so und wird mir immer so gehen und meine Kinder werden das ganz bestimmt mal genauso sehen.

Wenn ich denn überhaupt mal Vater werden sollte. In meiner Nachttischschublade liegt eine 100er-Packung Einhorn-Kondome, gekauft über so ein verrücktes Crowdfundingprojekt, und bisher fehlt genau eins. Das Eine, das ich aufgemacht habe, um zu gucken, ob so ein verrücktes Crowdfundingkondom irgendwie anders ist als andere Kondome. War es nicht. Denn obwohl es sich irgendwie verboten und sexy anfühlt, welche zu haben – Kondome an sich sind einfach nicht sexy, sondern bloß klebrige, unnatürliche Dinger, die dich beim Sex die ganze Zeit an ihre Anwesenheit erinnern. Du bemühst dich zu kommen, was sowieso schon schwer ist, weil du nichts fühlst, und dazu die ganze Zeit noch der Gedanke: „Bloß nicht abrutschen!“ Extrem sexy.

Ich hole mir ein Bier und lege mich auf die Couch. Es ist viertel vor sieben an einem Freitagabend, der Musikkanal läuft und im ersten Moment habe ich trotzdem das Gefühl, als hätte ich den Discovery Channel drin. Ich switche zurück auf n24 und als ich später noch einmal zurückschalte, lande ich in einer Sendung über Elektro-Swing. Die Musik gefällt mir, der Swing, der Beat, das passt gut zusammen. Und es wird tatsächlich getanzt, nicht nur mit irgendwelchen aufgepumpten, knappbekleideten Körperteilen gewackelt. Auch wenn’s im Text natürlich auch wieder um nicht viel mehr geht als um silk underwear.

Ich trinke mein Bier aus, stehe auf und hole mir ein frisches Hemd aus dem Schrank. Im Bad käme ich mir die Haare mit Seitenscheitel und lege frisches Deo auf, ich werde doch noch ausgehen heute. Und vielleicht treffe ich ja die junge Frau aus dem Supermarkt. Dann hätte ich auch schon einen Spruch auf Lager: „Safe is sexy“ würde ich leise in ihr Ohr sagen.

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8 thoughts on “swi: Silly Swingers.

    1. rocknroulette Post author

      ich find’s immer wieder spannend, leute dort zu beobachten und aus einkäufen ein leben zusammenzubasteln. das toppt im-café-sitzen und den flanierverkehr zu bestaunen noch um einiges.

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    1. rocknroulette Post author

      ja, aber irgendwie… war er zuende. ich konnte nicht rausfinden, was aus dem sixpack-erzähler und der jungen dame wurde oder ob sie sich überhaupt fanden… mal sehen, vielleicht erzählen sie ja noch was, eines tages.

      Reply

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