Category Archives: SWI

swi: Silly Swingers.

Die junge Frau vor mir hat ihren Einkauf immer noch nicht auf das Laufband gelegt, langsam wird der Platz knapp.

Ich stapele drei Pizzaschachteln, einmal Lasagne, die Currywurst und zwei Pakete Tiefkühlpaella eng nebeneinander auf, aber erst, als die Kassiererin schon nach meiner Pizza Funghi greifen will, leert die Frau den Inhalt ihres Einkaufskorbs aus: Hirsestangen für Kanarienvögel, zwei Gurken, drei Tiefkühlbaguettes, eine italienische Salami und eine Dr. Best Zahnbürste poltern aufs Band. Und eine Schachtel Kondome. In diesem Zusammenhang sieht plötzlich alles Gekaufte phallusförmig aus, denke ich und muss grinsen, während ich mich nach dem Sixpack in meinem Einkaufswagen bücke.

Als wenn sie meine Gedanken gelesen hätte, wird die junge Frau rot. Es gelingt ihr nicht, den Einkaufskorb akkurat auf den Turm seiner bereits abgestellten Vorgänger zu setzen, er stellt sich quer und sie kann ihn nur mit einem Ruck an seinen Platz zwingen. Ihr Gesicht rötet sich noch mehr und ihre Bewegungen sind hastig.

Die Kassiererin verzieht keine Miene. Sie zieht sämtliche Artikel ebenso stoisch über den Piepser wie sie die Schnapsflaschen des älteren Herrn davor abkassiert hat und ihr „achtzehneurovierndreißig“ klingt nicht im entferntesten danach, als wolle sie noch ein „schönes Wochenende“ oder gar „viel Spaß“ anhängen. Sie macht einfach nur ihren Job, ihren Scheißjob möchte man sagen, wenn man ihr Gesicht so sieht.

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swi: Creep (Teil 6).

Teil 5.

Blu3yedPenfr3ak sagt:
“Ich wette, an Einladungen dafür kommt man nur mit den richtigen Beziehungen oder viel Geld. Falls du aber mal eine Benefizveranstaltung machst, wär ich gern dabei.”

Ich erinnere mich: Das habe ich schon einmal gelesen, geantwortet habe ich nicht. Es ist Monate her, dass ich meinen Blogreader zuletzt geöffnet hatte, seitdem habe ich weder mitgelesen, noch kommentiert, es ist einfach zu viel passiert in der Zwischenzeit.

Zu viel passiert? Ich korrigiere: Eigentlich ist gar nichts passiert. Oder eher: das Übliche. Das übliche Kind-mit-Fieber, mit Husten, mit Erkältung, die Jobsuche, das übliche Trial-and-Error mit Jon und der übliche Fall ins Nichts danach. Ich sollte Benefizveranstaltungen für mich selber machen, lieber Blu3yedPenfr3ak, gebrauchen könnte ich es wirklich.

Hm. Ob ich jetzt noch antworten soll? Das, was damals der Anfang eines kleinen Flirts hätte werden können, ist nichts, was sich über Monate hält – es gibt ja nichts, woran man anknüpfen könnte. Mini-Moritz schläft tief und ich lese die alten Kommentare noch einmal. Viele sind es nicht. Das vage Gefühl, Blu3yedPenfr3ak zu kennen, enstand offenbar mehr aus der Zeit als aus dem Inhalt. Seinen Avatar hat er geändert, sehe ich, jetzt ist es eine Zeichnung, aber die wenigen Striche geben nicht viel mehr preis als der Comicheld davor.

Auf seinem Blog ist immer noch alles passwortgesichert – halt, nein, da ist ein Artikel, den ich lesen kann. Er ist schon ein paar Wochen alt, etwa aus der Zeit, als ich die Blogwelt verlassen hatte. “Digitale Ehrlichkeit” heißt er, eigentlich gar nicht mein Thema, aber aus dem Babyphon dringt nichts als Stille und ich bin noch immer nicht müde. Ich fange an zu lesen.

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swi: Creep (Teil 4).

Teil 3

Blu3yedPenfr3ak sagt:

“Ich bin sicher, dein Publikum war hin und weg. Auf welcher Bühne kann man dich denn demnächst bewundern?”

Wow, dann habe ich ja jetzt wohl einen Fan. Den ersten, seit langem.

Früher war ich in der Blogwelt mal sehr aktiv, heute schreibe ich ja nur hier und da noch mal ein paar Kommentare bei Leuten, die ich im wahren Leben kenne und mag. Früher war das mal anders. Da wollte ich noch Geschichten erzählen, dass der Welt der Mund offenstehen bleibt. Geschichten, die es wert sind zwischen zwei Buchdeckeln nach Hause getragen zu werden, und die verschlungen werden in der Badewanne, im Bett, auf dem Balkon. Eigentlich.

Alles, was ich jetzt erzähle, sind Gute-Nacht-Märchen für Mini-Moritz, die er noch nicht mal versteht, aber bei denen seine kleine Hand meinen Zeigefinger umfasst und festhält, bis die Geschichte vorbei ist. Und jetzt kommt hier einer und will mich auf Bühnen bewundern. Der Spinner.

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swi: Please Don’t Pull The String.

Ich sitze an deinem Bett und sehe dir beim Schlafen zu. Du atmest ganz tief, ich sehe, wie dein Bauch sich hebt und senkt. Deine Hand hält meine ganz fest. Deine zarte, zerbrechliche Hand, ich bin immer überrascht, wie kräftig du damit zufassen kannst. Die Bettwäsche ist weiß, ganz weiß, kein einziger Fleck weit und breit, auch nicht auf dem Rahmen oder auf dem türkisgrau gemusterten Linoleum, das in allen Krankenhäusern dasselbe zu sein scheint.

In dem Bett neben dir liegt eine alte Frau. Auch sie schläft, sie schläft immer. Ihr Mund ist offen, der Atem weht hinein und hinaus; es klingt, als würden Blättern rascheln in ihrer Lunge. Sie bekommt bald Besuch, jeden Tag pünktlich um viertel nach drei steht ihr Mann in der Tür. Ich werde dann rauchen gehen und meine Runden durch den Park unten laufen, bis er nach genau zwei Stunden wieder geht. Ich war nur einmal dabei als er sie besuchte.

Er tastete sich vorsichtig von der Tür zu ihrem Bett, sorgsam legte er seinen Hut beiseite und zog einen Stuhl ans Bett. Ganz nah, so nah, dass seine Knie kaum mehr Platz hatten zwischen Stuhlkante und Bettgestell. Er griff nach ihrer Hand, so wie ich immer nach deiner greife, aber anders als du wachte seine Frau nicht auf. Ein paar Minuten saß er still da, auch wir trauten uns kein Wort mehr zu sagen.

Ein paar Minuten Schweigen, dann fing er leise an, ihr von zuhause zu erzählen. „Im Garten blühen die Schneeglöckchen, Mutter“, sagte er, „die Schneeglöckchen, weißt du, die wir unter dem Küchenfenster haben. Gestern waren sie noch alle grün, aber heute Morgen haben sie geblüht.“ Er räusperte sich. Bestimmt haben sie ihm gesagt, dass er mit ihr reden soll, auch wenn sie schläft. „In der Zeitung steht, dass es am Wochenende ganz warm wird, schon 15 Grad. Dann blühen bestimmt auch bald die Narzissen, die magst du doch so.“ Seine Stimme wurde flach, er hustete trocken.

„Wenn du willst, bringe ich dann welche mit“, er hob die Stimme als ob er besser zu ihr durchdringen könnte, wenn er nur laut genug würde. „Die magst du doch, die Narzissen, Mutter!“ Sie reagierte nicht. Nur ihr Atem raschelte. Als wir das Schweigen kaum noch ertrugen, rief er wieder. „Mutter! Mutter, hörst du denn nicht, die Narzissen…“ Sein Rücken zuckte, er schluchzte. „Mutter, hör mich doch, Mutter…“

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swi: Creep (Teil 2).

Teil 1.

Kaum habe ich meinen Kommentar abgeschickt, gibt es ein Pling! Und eine Antwort von jemandem namens Blu3yedPenfr3ak. Ouh, da hat sich aber einer Mühe gemacht mit seinem Nick, ich brauch gar nicht genauer auf das Avatar-Bild mit der Comicfigur gucken, um zu wissen, dass der Typ ein Nerd sein muss.

„Front Stage für dich.“ – Alter, wenn du wüsstest, dass ich die ganze letzte Nacht mit einem schreienden Säugling im Auto durch die Gegend gekurvt bin. Mein Supermodel-Song heißt bestenfalls „Lalelu“, das sing ich Mini-Moritz nämlich pausenlos vor auf diesen Rundfahrten. Apropos… ich glaube, der Mittagsschlaf scheint vorbei zu sein, wenn ich das Gemecker aus dem Kinderzimmer richtig deute. Ich geh mal lieber nachsehen, bevor er sich wieder blauschreit.

Der Nachmittag vergeht mit Windeln wechseln, Kinderarzt und Impfgeschrei, Breichen kochen und selbiges von den Küchenmöbeln kratzen. Scheiße, ich wünschte wirklich, Jon wäre hier. Immerhin ist Moritz auch sein Sohn. Immerhin haben wir gemeinsam beschlossen, ihn zu bekommen, auch wenn es zwischen uns nicht mehr lief. Immerhin… verdammt, wenn ich soweit gedacht habe, muss ich jedes Mal heulen. Weiter komme ich nicht. Ich denke nur: Immerhin. Und wische und putze und wasche und fahre nachts mit einem zahnenden Zwerg durch leergefegte Straßen bis ich Angst habe, im Sekundenschlaf gegen den nächsten Brückenpfeiler zu brettern.

Dass der Computer noch läuft, merke ich erst als ich spätabends endlich ins Bett gehen will. Blu3yedPenfr3ak, was hast du schon für eine Ahnung von meinem Leben?

GinaGrrl schreibt:

„Ich hab ihn sogar selbst gesungen, selbst ist die Frau, stimmt’s? Gute Nacht allerseits.

swi: Der Brand oder Von dem, was bleibt.

–        „Es brennt im Hinterhof!“

Ein stilles Silvester, das war der Plan gewesen. Sie hatte gekocht. Drei komplizierte Gänge, nur für sich allein. Vier Stunden hatte sie in der Küche verbracht, in schlabbrigen Jogginghosen, mit selbstgestrickten Filzpatschen an den Füßen und mit purer Gemütlichkeit. Laute Musik, gutes Essen und bitte, bitte keine Menschenmassen.

Dieses Jahr wollte sie ganz allein feiern. Und während alle anderen aufgeregt ihre Party planten („Wenn wir zum Brandenburger Tor wollen…“ – „Ey, was für’n Berliner bist du denn?! Das ist nur was für Touris!“ – „Aber das Feuerwerk…“ – „Lass uns lieber in’n Club gehen““ – „Aber das Feuerwerk…“), hatte sie durch Kochbücher geblättert und in sich hinein gegrinst. In diesem Jahr würde sie Feuerwerk sehen, entspannt und ganz oben aus dem 5. Stock, in ihrer Hinterhofwohnung.

Es war nach 22 Uhr als sie es sich zum Nachtisch in ihrem Lieblingssessel bequem machte und die „Dinner For One“-DVD anstellte. Die anderen würden jetzt in der Schlange vorm Berghain warten. Oder vorm SchwuZ oder vorm Silver Wings oder wo auch immer. Sie würden in ihren Partykleidchen frieren, von einem Bein aufs andere treten und drinnen wie die geräucherten Sardinen um einen Platz auf der Tanzfläche rangeln. Sie angelte nach ihrer Kuscheldecke.

Um 23 Uhr war der Nachtisch alle. Draußen böllerten und knallten sie schon wie blöde. Froren sich dabei den Arsch ab, sprengten sich die Finger weg und soffen sich ihren Neujahrskater an. Pah! Sie ging in die Küche, um in aller Ruhe die Dessertrührschüssel auszuschlecken.

Doch als eine Viertelstunde später mitten im Abwasch ihr Handy klingelte, stürzte sie sich auf den kleinen Apparat und nahm ab, ohne sich die Hände abzutrocknen: Sarah war dran, eine Freundin, die nur ein paar Straßen weiter wohnte. „Wir machen eine Küchentanzparty, kommst du vorbei?“ Tanzen, gute Musik, Menschen, an denen ihr etwas lag… hm. Ein Blick auf die Uhr: Noch 39 Minuten. Das würde sie schaffen! „Ich bin gleich da, zieh mir nur noch kurz was an!“

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swi: Give This Man A Ride.

Als ich fast 4 war, las mir mein Vater wie jeden Abend ein Märchen vor, deckte mich gut zu und ging Zigaretten holen. Er kam nie wieder.

Meine Erinnerung an ihn schwand schnell. Am deutlichsten ist das Bild, wie er neben mir auf der Bettkante sitzt und eine Geschichte vorliest. Und wie ich mich danach beim Gute-Nacht-Kuss an seinen Hals hänge, damit er noch ein bisschen länger bei mir bleibt. Ich weiß, dass er einen Bart hatte, weil der bei dieser Umarmung immer ein bisschen kratzte. Ansonsten sind die Erinnerungen an meinen Vater verschwommen – es blieb wenig mehr als ein Gefühl von Geborgenheit und der Geruch von Rauch an in seiner Kleidung, wenn ich auf seinen Schoß krabbelte. Ich frage mich heute, ob er in dieser Nacht noch Zigaretten holte, oder ob er das Rauchen so schnell aufgab wie uns.

Nachdem meine Mutter aufgehört hatte zu weinen, sprach sie nur noch selten von ihm. Meistens dann, wenn ich etwas Schlimmes oder Dummes getan hatte. Wenn ich bei Regen keinen Schirm mitnahm, wenn ich ein schlechtes Zeugnis nach Hause brachte oder mich beim Raufen mit den Nachbarskindern erwischen ließ – immer dann hieß es: „Du bist genau wie dein Vater!“ Mein Vater war das Sinnbild für alles Böse.

Bis ich Mama einmal eine Torte zu ihrem Geburtstag gebacken habe. Ich liebte Erdbeeren – am liebsten mit Vanilleschlagsahne und Mürbeteigbröseln. Früher hatte es das oft gegeben, seitdem Papa weg war, war Mama wohl die Lust auf Zuckerbäckerei vergangen. Aber ich war 12 und für mich gehörte Torte zu einem Geburtstag wie Geschenke und Luftschlangen. Ich durchstöberte Backbücher nach einem passenden Rezept, kaufte in geheimer Mission alle nötigen Zutaten („Weinstein-Backpulver“ zu finden ist ein Abenteuer für einen 12-jährigen) und zum Geburtstagsfrühstück servierte ich Mama ein großes Stück selbstgemachte Erdbeertorte.

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