Tag Archives: bäcker

swi: Give This Man A Ride.

Als ich fast 4 war, las mir mein Vater wie jeden Abend ein Märchen vor, deckte mich gut zu und ging Zigaretten holen. Er kam nie wieder.

Meine Erinnerung an ihn schwand schnell. Am deutlichsten ist das Bild, wie er neben mir auf der Bettkante sitzt und eine Geschichte vorliest. Und wie ich mich danach beim Gute-Nacht-Kuss an seinen Hals hänge, damit er noch ein bisschen länger bei mir bleibt. Ich weiß, dass er einen Bart hatte, weil der bei dieser Umarmung immer ein bisschen kratzte. Ansonsten sind die Erinnerungen an meinen Vater verschwommen – es blieb wenig mehr als ein Gefühl von Geborgenheit und der Geruch von Rauch an in seiner Kleidung, wenn ich auf seinen Schoß krabbelte. Ich frage mich heute, ob er in dieser Nacht noch Zigaretten holte, oder ob er das Rauchen so schnell aufgab wie uns.

Nachdem meine Mutter aufgehört hatte zu weinen, sprach sie nur noch selten von ihm. Meistens dann, wenn ich etwas Schlimmes oder Dummes getan hatte. Wenn ich bei Regen keinen Schirm mitnahm, wenn ich ein schlechtes Zeugnis nach Hause brachte oder mich beim Raufen mit den Nachbarskindern erwischen ließ – immer dann hieß es: „Du bist genau wie dein Vater!“ Mein Vater war das Sinnbild für alles Böse.

Bis ich Mama einmal eine Torte zu ihrem Geburtstag gebacken habe. Ich liebte Erdbeeren – am liebsten mit Vanilleschlagsahne und Mürbeteigbröseln. Früher hatte es das oft gegeben, seitdem Papa weg war, war Mama wohl die Lust auf Zuckerbäckerei vergangen. Aber ich war 12 und für mich gehörte Torte zu einem Geburtstag wie Geschenke und Luftschlangen. Ich durchstöberte Backbücher nach einem passenden Rezept, kaufte in geheimer Mission alle nötigen Zutaten („Weinstein-Backpulver“ zu finden ist ein Abenteuer für einen 12-jährigen) und zum Geburtstagsfrühstück servierte ich Mama ein großes Stück selbstgemachte Erdbeertorte.

Continue reading

Advertisements