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swi: Please Don’t Pull The String.

Ich sitze an deinem Bett und sehe dir beim Schlafen zu. Du atmest ganz tief, ich sehe, wie dein Bauch sich hebt und senkt. Deine Hand hält meine ganz fest. Deine zarte, zerbrechliche Hand, ich bin immer überrascht, wie kräftig du damit zufassen kannst. Die Bettwäsche ist weiß, ganz weiß, kein einziger Fleck weit und breit, auch nicht auf dem Rahmen oder auf dem türkisgrau gemusterten Linoleum, das in allen Krankenhäusern dasselbe zu sein scheint.

In dem Bett neben dir liegt eine alte Frau. Auch sie schläft, sie schläft immer. Ihr Mund ist offen, der Atem weht hinein und hinaus; es klingt, als würden Blättern rascheln in ihrer Lunge. Sie bekommt bald Besuch, jeden Tag pünktlich um viertel nach drei steht ihr Mann in der Tür. Ich werde dann rauchen gehen und meine Runden durch den Park unten laufen, bis er nach genau zwei Stunden wieder geht. Ich war nur einmal dabei als er sie besuchte.

Er tastete sich vorsichtig von der Tür zu ihrem Bett, sorgsam legte er seinen Hut beiseite und zog einen Stuhl ans Bett. Ganz nah, so nah, dass seine Knie kaum mehr Platz hatten zwischen Stuhlkante und Bettgestell. Er griff nach ihrer Hand, so wie ich immer nach deiner greife, aber anders als du wachte seine Frau nicht auf. Ein paar Minuten saß er still da, auch wir trauten uns kein Wort mehr zu sagen.

Ein paar Minuten Schweigen, dann fing er leise an, ihr von zuhause zu erzählen. „Im Garten blühen die Schneeglöckchen, Mutter“, sagte er, „die Schneeglöckchen, weißt du, die wir unter dem Küchenfenster haben. Gestern waren sie noch alle grün, aber heute Morgen haben sie geblüht.“ Er räusperte sich. Bestimmt haben sie ihm gesagt, dass er mit ihr reden soll, auch wenn sie schläft. „In der Zeitung steht, dass es am Wochenende ganz warm wird, schon 15 Grad. Dann blühen bestimmt auch bald die Narzissen, die magst du doch so.“ Seine Stimme wurde flach, er hustete trocken.

„Wenn du willst, bringe ich dann welche mit“, er hob die Stimme als ob er besser zu ihr durchdringen könnte, wenn er nur laut genug würde. „Die magst du doch, die Narzissen, Mutter!“ Sie reagierte nicht. Nur ihr Atem raschelte. Als wir das Schweigen kaum noch ertrugen, rief er wieder. „Mutter! Mutter, hörst du denn nicht, die Narzissen…“ Sein Rücken zuckte, er schluchzte. „Mutter, hör mich doch, Mutter…“

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